Stell dir vor...familiärer Brust- und Eierstockkrebs

Zur (fiktiven) Testperson selbst: Nora Wagner, 26 Jahre alt

Vor drei Jahren erkrankte meine Tante an Brustkrebs. Wir blieben zunächst alle zuversichtlich. Auch meine Großmutter hat bereits eine solche Erkrankung hinter sich und starb nicht daran. Meine Tante hatte dieses Glück allerdings nicht. Vor zwei Jahren mussten wir sie beerdigen. Sie ist 46 Jahre alt geworden. Kurz darauf wurde auch bei meiner Mutter Brustkrebs festgestellt. Seitdem wurde ich den Gedanken nicht mehr los, dass ich vielleicht die nächste sein könnte. Ich habe mit meiner Großmutter darüber gesprochen, dass ich mir Sorgen mache, ob ich die Krankheit vielleicht geerbt haben könnte. Meine Großmutter macht sich seitdem Vorwürfe. Sie glaubt, dass das alles ihre Schuld sein könnte, weil sie vielleicht ein defektes Gen weitervererbt hat. Sie hat große Angst, auch noch ihre zweite Tochter, meine Mutter, zu verlieren. Wir versuchen seitdem das Thema Krebs zu meiden, so gut es halt geht.

Möglichkeiten
Es gibt die Möglichkeit, sein Erbgut testen zu lassen und so größere Gewissheit zu bekommen, ob man einmal an Krebs erkranken wird. Ich habe lange mit Felix, meinem Freund, mit dem ich seit einiger Zeit auch zusammenlebe, darüber gesprochen, wie sinnvoll so ein Test ist. Ein negatives Ergebnis würde, so argumentierte er, mir vielleicht ein wenig die ständige Angst nehmen. Eine Chemotherapie ist schlimm, das habe ich an meiner Mutter gesehen. Der Gedanke, wochenlang meinen Beruf nicht ausüben zu können und mich durch die Tage zu quälen, macht mir Angst. Und was, wenn trotz alledem am Ende keine Heilung möglich ist? Erblicher Brustkrebs ist häufig aggressiver und schwerer heilbar als andere Arten.
Doch ich habe mich auch gefragt, was es für mich bedeuten würde, wenn bei dem Gentest herauskommt, dass ich das defekte Gen in mir trage? Ich bin noch jung und Felix und ich wollen irgendwann heiraten und eine Familie gründen. Könnte ich das dann alles noch ganz normal? Oder müsste ich mein Leben komplett umstellen? Felix sagt, dass es doch zunächst gut ist, Gewissheit zu haben. Dann könnte ich ggf. engmaschige Vorsorge betreiben und dann, wenn ich doch erkranken sollte, der Krebs in einem sehr frühen Stadium entdeckt werden. Das erhöht die Heilungschancen erheblich. Aber es verhindert nicht, dass ich erkranke.

Der Test
Meiner Mutter geht es seit ca. einem Jahr wieder konstant gut. Die Chemotherapie hat Wirkung gezeigt. Der Krebs ging zurück. Das macht mir etwas Mut. Selbst wenn ich einmal an Krebs erkranken sollte, muss das nicht mein Todesurteil bedeuten. Letztlich habe ich mich dann für die Gewissheit und gegen das ständige Gefühl ein Damoklesschwert über mir schweben zu haben, entschieden. Ich habe mich, ebenfalls vor ca. einem Jahr entschlossen, den Gentest machen zu lassen.
Getestet wird man nur dann, wenn eine bestimmte Konstellation von Erkrankungen in der Familie vorliegt. Um feststellen zu können, ob es sich tatsächlich um einen vererbten Gendefekt handelt, muss noch ein weiteres Familienmitglied, das bereits erkrankt ist, getestet werden. Ich bat meine Mutter darum.

Für das erste Gespräch mit den Ärzten musste ich einen seitenlangen Fragebogen über die Krankheitsgeschichte meiner Familie ausfüllen. Die Seiten nahmen kein Ende. Die Mediziner stellten daraus einen Stammbaum meiner Familie, der alle Tumorerkrankungen und das jeweilige Erkrankungsalter beinhaltete, zusammen. In dem Gespräch vor dem Test wurde ich ausführlich über die Vor- und Nachteile des Gentests informiert. Im Anschluss daran werden einem einige Wochen Zeit gelassen, um sich alles noch einmal in Ruhe zu überlegen. Aber ich war mir schnell sicher, den Test machen zu lassen.

Ergebnisse
Es vergingen Monate bis endlich ein Brief des Klinikums, indem meine Mutter und ich unsere Blutproben abgegeben hatten, im Briefkasten lag. Häufig lag ich nachts wach und habe es fast nicht ausgehalten, einfach nur abwarten zu können. Schließlich bekamen wir zuerst das Ergebnis meiner Mutter mitgeteilt. Sie trägt ein mutiertes Gen in sich. Danach ging alles ganz schnell. Mein Testergebnis wurde mir kurze Zeit später mitgeteilt. Auch ich trage ein sogenanntes BRCA-Gen in mir (BRCA steht für BReast CAncer, was Brustkrebs bedeutet). Meine Wahrscheinlichkeit ebenfalls in jungen Jahren an Brustkrebs zu erkranken liegt bei etwa 70% und ist auch für Eierstockkrebs stark erhöht.
Obwohl ich versucht habe, mich innerlich auf ein solches Ergebnis einzustellen, ist es ein Schock.

Entscheidungen
Es gibt Möglichkeiten zu handeln. Zum einen weiß ich nun, dass es für mich sinnvoll ist, ein sehr engmaschiges Früherkennungsprogramm durchführen zu lassen. Eine mögliche Erkrankung kann so in einem sehr frühen Stadium erkannt werden und meine Heilungschancen erheblich verbessern.
Es gibt auch Möglichkeiten, dem Krebs zuvorzukommen. Doch diese Schritte empfinde ich im Moment als sehr radikal. Ich habe eine Chance mein Brustkrebsrisiko auf die Wahrscheinlichkeit von 1% zu senken, wenn ich mir die Brustdrüsen entfernen lasse. Das möchte ich aber nicht, zumindest noch nicht.  Schließlich will ich einmal Kinder haben und ich möchte sie stillen, wie eine ganz normale Mutter.
Auch dem Eierstockkrebs kann man zuvor kommen, indem man sich die Eierstöcke entfernen lässt. Das passt aber im Moment ebenfalls nicht zu meinem Kinderwunsch. Und was würden solche Schritte überhaupt letztlich für meine Partnerschaft bedeuten?

Manchmal fühle ich mich durch das Wissen um eine mögliche Erkrankung unter Druck gesetzt. Soll ich mich mit der Familienplanung beeilen und danach sofort Brustdrüsen und Eierstöcke entfernen lassen? Und was, wenn ich das defekte Gen ebenfalls an meine Kinder weitervererbe? Soll ich die Familienplanung lieber ganz sein lassen? Manchmal glaube ich, ich könnte unbeschwerter Mutter werden, wenn ich von meinem Gendefekt nichts wüsste.
Ich bin froh, dass Felix mich unterstützt und mir das Gefühl gibt, egal wie ich mich entscheide, immer hinter mir zu stehen. Aber es macht die Entscheidungen, die ich irgendwann treffen muss, nicht einfacher…


Mehr Informationen zu familiärem Brust- und Eierstockkrebs

"Wenn mehrere Frauen in einer Familie an Brust- und Eierstockkrebs erkranken und die Krebserkrankungen in jungem Alter auftreten, kann das ein Hinweis auf die erbliche Form von [...] Krebs sein."

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Und jetzt kommst du ins Spiel: Hättest du dich ebenso wie Laura für den Test entschieden? Was für Hilfen hättest du dir gewünscht, um diese Entscheidung zu treffen?

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